Text-Adventskalender 18. Dezember 2019

Wer sich schon immer gefragt hat, wie Falk – unter anderem – so werden konnte, wie er nun mal ist, darf beim Türchen 18 mal ein bisschen hinter die familiären Kulissen schauen …

Ein Poltern an der Tür ließ Falk herumwirbeln. Sein Rucksack kippte um und wurde mit dem Türblatt einfach beiseitegeschoben, bis er sich an einem der Klapptische verhakte.

„Räum dein Zeug weg!“, bellte sein Vater, für den der Türspalt zu klein war, um einzutreten.

„Auf der Skala für deine herzlichste Begrüßung rangiert das auf Platz zweiundzwanzig“, frotzelte Falk, sprang aber vor  und riss den Rucksack an sich.

„Und was ist Platz eins?“, fragte sein Vater automatisch, während er sich bückte, um sich nicht den Kopf am Türstock zu stoßen.

„Mann, ist der hässlich“, kommentierte Falks Mutter und fügte hinzu: „Das war der Augenblick, als die Hebamme dir unseren Sohn in die Arme gelegt hat.“

Magda Jäger, wie immer mit jugendlichem Igelhaarschnitt, drückte ihrem Ehemann eine salzverkrustete Tasche gegen die Brust und zog ihren Sohn an sich. Falk erwiderte die Umarmung und atmete die besondere Mischung aus Tang, Salz und dem leichten Duft von Flieder ein, die seine Mutter umgab. Allerdings war es seltsam, sie an Land zu begrüßen, hatten sie sich in den vergangenen Jahren doch meist auf dem Forscherschiff seiner Eltern getroffen.

„Es ist so schön, dich hier zu haben!“, flüsterte sie. „Wann haben wir uns zuletzt gesehen?“

„Vor sechs Monaten, an Weihnachten.“

„Stimmt, bei Rahel und ihrem Ehemann Duke in London. Er hat dir damals ein blaues Auge verpasst. Weshalb noch gleich?“

Falk drückte seine Mutter, die im Laufe der vergangenen zwei Jahre deutlich molliger geworden war, ein zweites Mal fest an sich und antwortete leise: „Das habe ich dir damals schon nicht verraten, und ich werde auch heute schweigen.“

Kaum dass er sich von seiner Mutter gelöst hatte, fiel die Hand seines Vaters schwer auf Falks Schulter. „Es ist gut, dich zu sehen, Junge!“

Obwohl Falk mit seinen ein Meter fünfundneunzig sehr groß war, überragte Hendrik Jäger seinen Sohn um stolze sieben Zentimeter, wobei er nicht einmal mit der Frisur schummelte, trug er doch seit gut zwei Jahrzehnten eine Glatze.

„Du siehst endlich nicht mehr wie ein verhungerter Zeltnagel aus. Dukes Training scheint zu wirken.“ Hendrik boxte ihm spielerisch in den Bauch und nickte anerkennend, als er auf eine feste Muskelschicht traf. „Nur das mit deinem Frisör …“

„Du weißt genau, dass ich diese Frisur nur trage, weil ich Emma damit ärgern kann.“

„Welche Frisur?“, fragte Magda halblaut, die sich aus ihrer feuchten Fleecejacke schälte und ihre Gummistiefel in die Ecke zu den anderen unordentlich herumliegenden Schuhen schleuderte.

„Du siehst deine ehemalige Lehrerin doch höchstens alle paar Wochen.“ Hendrik bückte sich, um seine Militärstiefel aufzuschnüren.

Falk zuckte mit den Schultern. Emma und der Historiker Daniel, mit denen Falk und seine einstige Klassenkameradin Rahel bereits einige knifflige Fälle erlebt hatten, waren inzwischen stolze Eltern von Zwillingsjungen und bei Weitem nicht mehr so versessen auf Action wie früher. Wobei Emma immer nur versehentlich und ungewollt in die Erlebnisse hineingerutscht war. Jetzt ging sie völlig in ihrer Mutterrolle auf. Eine ganz besondere Art von Abenteuer, wie Falk bewundernd hatte feststellen müssen.

„Und was macht die Studienplatzfindung?“ Sein Vater kam wie immer sofort auf die drei üblichen Themen zu sprechen: Falks unmöglicher Haarschnitt, wobei Hendrik mit seiner Glatze gut reden hatte, sein fehlender Einsatz bezüglich eines Studienplatzes, was Hendrik mit „mangelnde Zukunftsperspektive“ gleichsetzte, und das Fehlen einer potenziellen Schwiegertochter, die sein Vater dann vermutlich genauso herzlich begrüßen würde, wie er es bei Falk tat.

„Das wird schon noch. Ebenso wie das mit der Schwiegertochter.“

„Danach habe ich doch gar nicht gefragt.“

Magda lachte ihren Ehemann aus, der das mit einem schiefen Grinsen quittierte und sich endlich seiner schweren Schuhe entledigte.

„Darf ich jetzt auch mal was fragen?“, wagte Falk sich vor.

„Sicher doch.“ Magda begab sich hinter den Tresen, der den Küchenbereich vom überfüllten Wohnraum trennte, und ließ Spülwasser einlaufen.

„Warum habt ihr mich herbestellt, und was macht Junia hier?“

„Gut, du hast Junia also schon getroffen?“

„So könnte man es auch nennen“, murmelte er.

„Wie du dich vielleicht erinnerst, studiert sie Meeresbiologie. Und sie ist der Grund, weshalb du hier bist“, erläuterte Hendrik.

„Ich will weder dazu überredet werden, Meeresbiologie zu studieren, noch sucht ihr euch eure Schwiegertochter selbst – Moment!“ Falk drehte sich zu seinem Vater um. „Ich bin wegen Junia hier?“

„Hat sie dir nichts erzählt?“, fragte Hendrik.

„Na ja, wir haben nicht wirklich viele Worte gewechselt, ehe sie nach nebenan geflohen ist.“ Falk konnte bei der Erinnerung an ihre Flucht und das durchscheinende Stückchen Stoff an ihrem Körper ein Schmunzeln nicht unterdrücken.

Prompt drehte sich Magda zu ihm um und stemmte die kräftigen Hände in die Taille. „Was hast du schon wieder angestellt?“

„Ich bin nur hergekommen. Wie befohlen.“

Seine Mutter verzog das Gesicht und deutete dann auf eine unscheinbare Nebentür, die zwischen den überladenen Kommoden und zwei Hängeschränkchen, in denen Geschirr und Gläser untergebracht waren, kaum zu sehen war. „Kam sie womöglich gerade aus der Dusche?“

„Das würde ihre unkonventionelle Kleidung erklären.“

„Na, du konntest ja nicht ahnen, dass wir nicht allein hier wohnen.“ Magda wandte sich wieder dem Berg aus schmutzigem Geschirr zu. In Falks Ohren klang sie seltsam nachsichtig, fast schon eine Spur erfreut. Das fand er wiederum bedenklich. Er hatte keine Lust, sich von seiner Mutter verkuppeln zu lassen. Gleichgültig, wie stark er sich vor einem Jahr zu Junia hingezogen gefühlt hatte.

„Und?“, hakte Falk schließlich nach.

„Dass sie Meeresbiologie studiert, ist die perfekte Tarnung, um sie hier verstecken zu können.“

Falk überkam das Gefühl, dass seine Mutter das Pferd gerade von hinten aufzäumte. „Um es mit deinen Worten zu sagen, Mom: Was hat sie angestellt?“

Noch könnt ihr den Gutschein für das Buch bestellen und an Weihnachten verschenken. Oder den für „Im Herzen die Freiheit“. Das oder die Bücher kommen selbstverständlich sofort nach dem Erscheinungstermin bei euch an – persönlich signiert.

Wie das geht, lest ihr HIER.

Das kleine Weihnachts“büchle“ ist verlost. Mal sehen, ob ich noch ein weiteres Spiel starte … 😉

Über Elisabeth

Autorin historischer und zeitgenössischer Romane
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