Text-Adventskalender 9. Dezember 2019

Heute bin ich mit dem Einstellen des Textes sehr spät dran. Aber ich habe heute Morgen meine obligatorischen 10 Seiten (Dokument, nicht Taschenbuch) geschrieben und am Nachmittag noch die Korrekturfahne für den „Drachen“ fertig gemacht. Bis um ca. 18:00 war ich damit noch beschäftigt. Jetzt habe ich Hunger. ABER zuerst kommt für euch der nächste Textabschnitt aus

Und was macht Olivia da? Sie schleicht sich davon …? Na, sehen wir mal, ob es ihr gelingt, Broomglade Manor heimlich zu verlassen:

Die Reisetasche in der Hand, humpelte Olivia zielstrebig auf die wuchtige Eingangstür zu. Eigentlich wollte sie rasch gehen, fort sein, bevor die Hausbewohner erwachten, aber die Schmerzen in ihrem Knie ließen sie an ihrem Vorhaben zweifeln. Wie sollte sie den langen Abstieg über die felsige Küstenstraße bis nach Lynmouth zuwege bringen, wenn sie doch kaum die Stufen hatte bewältigen können? Und was sollte sie tun, sobald sie das kleine Fischerdörfchen mit den pittoresken Häusern, schmalen Gässchen und dem alles beherrschenden Geruch von Seetang und Fisch erreicht hatte?

Ob es hier in England einfacher war, eine Anstellung zu finden, als in ihrer Heimat? Viele der adeligen Familien beschäftigten Gouvernanten für ihre Kinder, und Olivia hatte eine gute Ausbildung genossen, sprach darüber hinaus nicht nur Deutsch und Englisch, sondern sogar recht annehmbar Italienisch und Französisch. Vielleicht war auch eine Tätigkeit als Kammerzofe möglich. Allerdings war sie noch nie einer Arbeit nachgegangen und verfügte deshalb über keine Empfehlungsschreiben. Zudem würde ihr in ihrer veralteten und mittlerweile sehr in Mitleidenschaft gezogenen Garderobe wohl kaum jemand abnehmen, dass sie früher einmal  in den Kreisen des Landadels verkehrt hatte. Selbst hier auf Broomglade Manor hatte Pembroke sie zuerst darauf hingewiesen, dass ihr, wie allen Bediensteten oder deren Besuchern, kein Zutritt über den Haupteingang zustand, da dieser ausschließlich der Familie und deren Gästen vorbehalten war.

Sie konnte gut kochen, überlegte Olivia weiter, während sie sich Schritt für Schritt in Richtung Tür quälte. Ob es leichter war, eine Anstellung als Köchin zu finden? Doch würde sie mit der Zubereitung mehrgängiger Menüs für eine große Anzahl verwöhnter Gaumen zurechtkommen? Immerhin hatte sie, gemeinsam mit der Haushälterin, bislang lediglich für ihren bescheidenen Dreipersonenhaushalt gekocht. Und mit diesem Knie war stundenlanges Stehen in der Küche vorerst ohnehin unmöglich.

Was also sollte sie tun, sobald sie Lynmouth erreichte?

Ihr Weg hierher nach Devonshire hatte sie in eine Gasse getrieben, deren Mauern links und rechts immer höher wurden und entsprechend bedrohlich und düster wirkten. Das an sich war schon beängstigend genug, doch leider wuchs nun auch vor ihr ein scheinbar unüberwindbares Hindernis in die Höhe – und zurück konnte sie nicht, denn dort gab es nichts mehr für sie. Das Pfarrhaus mit dem bezaubernden Garten war längst an den Nachfolger ihres Vaters und dessen ständig wachsende Familie gegangen, die kleine Kate in einer der Dorfgassen hatte man ihnen nur so lange zur Verfügung gestellt, wie der Herr Pfarrer am Leben gewesen war. Sie war allein. Heimatlos.

Die Wucht dieser Erkenntnis drohte sich mit der Trauer um ihren Vater zu einer Melange aus Verzweiflung und Resignation zu verbinden. Trotzig dagegen ankämpfend, hob Olivia den Kopf und ergriff die Klinke, die kalt in ihrer Hand lag. Sie war jung, arbeitswillig und gesund. Ihr würde schon ein Ausweg einfallen. Irgendwo auf dieser großen Welt würde es einen Platz für sie geben. Und eines Tages dürfte sie vielleicht auch wieder so etwas wie eine Heimat haben. Hatte ihr Vater nicht immer gesagt, dass die Heimat eines Menschen in Gottes Liebe zu finden war? Darauf sollte sie ihre Gedanken ausrichten.

Sie drückte die Klinke, schob unter Einsatz ihres ganzen Körpergewichts den rechten Türflügel auf – und erstarrte.

Vor ihr stand eine ältere Dame mit erhobener Hand. Vermutlich hatte sie nach dem Klopfer greifen wollen. Auf ihrem kunstvoll frisierten blonden Haar thronte ein ausladender Hut samt wippenden Pfauenfedern. Ihr Brokatkleid, in kräftigem Violett gehalten, war selbst mit der von ihr gewählten kleinen Krinoline gänzlich ungeeignet für eine Fahrt über Land. Im Hintergrund stand eine Kalesche, der, die behandschuhte Hand des Kutschers ergreifend, eine deutlich jüngere Frau entstieg. Sie war nicht weniger aufwändig, wenngleich in unauffälligerem Gelb und Beige gekleidet.

„Darf ich erfahren, wer Sie sind? Und wo steckt Pembroke?“

Olivia zuckte ob des scharfen Tons der Frage erschrocken zusammen. „Entschuldigen Sie bitte“, murmelte sie und beeilte sich, der Dame aus dem Weg zu gehen. Nachdenklich betrachtete sie das Gefährt. Ob der Kutscher zum Warten angehalten worden war? Oder konnte er sie womöglich von hier fortbringen – wohin auch immer? Ein Wappen am Verschlag verriet ihr allerdings, dass das Gefährt mit dem Faltdach einer Familie gehörte und somit nur privat genutzt wurde.

„Es stimmt also. Sir Simon hat Frauenbesuch!“, fauchte die Frau Olivia an, drehte den Kopf und warf einen prüfenden Blick auf ihre jüngere Begleiterin, wohl um sicherzustellen, dass diese ihre Worte nicht gehört hatte.

Verwirrt biss sich Olivia auf die Unterlippe. Erst in diesem Augenblick wurde ihr bewusst, in welch missliche Lage sie sich und Simon ungewollt manövriert hatte. Ein weiterer Grund für sie, sich schleunigst davonzumachen? War ihr Name erst durch den Schmutz gezogen, hatte sie vermutlich nicht einmal mehr die Chance, als Küchenmädchen angestellt zu werden … Nur, was war dann mit Simon? Doch verzieh man Männern derlei Vergehen nicht viel leichter als dem weiblichen Geschlecht? Olivia raffte ihren Rock und stieg die Stufen hinunter.

„Hiergeblieben!“ Die Dame winkte dem Kutscher. „Halten Sie das Mädchen auf! Womöglich hat sie vor, den Hausherrn um sein Silber zu bringen!“ Olivia schnappte nach Luft. Jetzt verdächtigte die Frau sie auch noch, eine Diebin zu sein? Am liebsten hätte sie die Flucht ergriffen, aber ihr schmerzendes Knie ließ das nicht zu. Die imaginären Mauern um sie herum drohten über ihr zusammenzubrechen.

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Über Elisabeth

Autorin historischer und zeitgenössischer Romane
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